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Wenn Nähe gleichzeitig Sehnsucht und Angst auslöst - Desorganisierter Bindungsstil

  • Autorenbild: Marleen Theißen
    Marleen Theißen
  • 25. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Der innere Konflikt zwischen Nähe und Schutz

Der desorganisierte Bindungsstil gehört zu den komplexesten Bindungsmustern. Menschen mit dieser Erfahrung beschreiben Beziehungen häufig als einen tiefen inneren Widerspruch. Einerseits besteht eine starke Sehnsucht nach Nähe, emotionaler Sicherheit und Verbindung. Gleichzeitig kann genau diese Nähe intensive Unsicherheit oder Angst auslösen.


Viele Betroffene erleben diesen inneren Konflikt als schwer erklärbar. Sie wünschen sich Beziehung, fühlen sich jedoch plötzlich überfordert oder innerlich blockiert, sobald eine Partnerschaft enger wird. In meiner Arbeit mit Paaren begegnet mir diese Dynamik immer wieder: Eine Person sehnt sich sehr nach Verbindung, reagiert aber gleichzeitig mit Rückzug oder emotionaler Verwirrung, sobald diese Verbindung tatsächlich entsteht.


Kennst du schon den desorganisierten Bindungsstil?
Kennst du schon den desorganisierten Bindungsstil?

Aus bindungstheoretischer Perspektive lässt sich dieses scheinbar widersprüchliche Verhalten gut verstehen. Der desorganisierte Bindungsstil entsteht meist in frühen Beziehungserfahrungen, in denen Nähe gleichzeitig Sicherheit und Unsicherheit bedeutete. Das Nervensystem hat in solchen Situationen keine stabile Strategie entwickeln können, um mit emotionaler Nähe umzugehen.


Genau hierzu sprechen wir auch in unserer Podcast Folge "Die Macht von Bindungsstilen".


Wenn Nähe gleichzeitig Sicherheit und Gefahr bedeutet

Der Begriff des desorganisierten Bindungsstils wurde in den 1980er-Jahren von der Entwicklungspsychologin Mary Main geprägt, die die Forschung von John Bowlby und Mary Ainsworth weiterführte. In ihren Studien beobachtete sie Kinder in der sogenannten „Strange Situation“, einer standardisierten Untersuchung zur Bindungsentwicklung.


Während viele Kinder klar erkennbare Bindungsstrategien zeigten – etwa durch Nähe-Suche oder durch vermeidendes Verhalten – reagierten einige Kinder widersprüchlich. Sie näherten sich ihrer Bezugsperson, wirkten gleichzeitig jedoch verunsichert, erstarrt oder orientierungslos. Manche liefen auf die Bezugsperson zu und blieben plötzlich stehen, andere zeigten gleichzeitig Annäherung und Rückzug.


Solche Reaktionen entstehen häufig in Beziehungskontexten, in denen Bezugspersonen sowohl Quelle von Trost als auch Quelle von Angst waren. Für ein Kind entsteht dadurch ein besonders schwieriger innerer Konflikt: Die Person, die eigentlich Schutz und Sicherheit bieten sollte, wird gleichzeitig als unberechenbar oder bedrohlich erlebt.


Das Nervensystem steht damit vor einem unlösbaren Dilemma. Nähe ist notwendig für Sicherheit – und gleichzeitig mit Gefahr verbunden. In solchen Situationen kann sich keine klare Strategie entwickeln, um mit emotionaler Unsicherheit umzugehen.


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Finde es hier heraus und verstehe dein Beziehungsverhalten



Wie sich dieser Bindungsstil in Partnerschaften zeigt

Im Erwachsenenalter kann sich diese Dynamik auf sehr unterschiedliche Weise zeigen. Manche Menschen erleben intensive emotionale Nähe in Beziehungen, ziehen sich jedoch plötzlich zurück, sobald die Beziehung stabiler oder verbindlicher wird. Andere schwanken stark zwischen dem Wunsch nach Verschmelzung und dem Bedürfnis nach Distanz.


In meiner Praxis erlebe ich manchmal Situationen, in denen eine Person sehr viel emotionale Offenheit zeigt und sich gleichzeitig in dem Moment zurückzieht, in dem der oder die Partner:in darauf eingeht. Eine Klientin beschrieb einmal, dass sie sich in ihrer Beziehung häufig gleichzeitig geborgen und panisch fühlte. Wenn ihr Partner ihr besonders viel Zuneigung zeigte, löste das nicht nur Freude aus, sondern auch ein schwer erklärbares Gefühl innerer Bedrohung.


Für Partner:innen kann dieses Verhalten sehr verwirrend sein. Nähe wird gesucht – und im nächsten Moment wieder zurückgewiesen. Gespräche können sehr intensiv und verbindend sein, während in anderen Momenten plötzlich Distanz entsteht.


Aus psychologischer Sicht handelt es sich dabei jedoch selten um bewusstes Verhalten. Viel häufiger zeigt sich hier ein Nervensystem, das zwischen verschiedenen Schutzreaktionen wechselt. Je nach Situation können sich Strategien zeigen, die sowohl dem ängstlichen als auch dem vermeidenden Bindungsstil ähneln.


Das Nervensystem zwischen Annäherung und Rückzug

Neuere Erkenntnisse aus der Polyvagal-Theorie und der Neurobiologie helfen zu verstehen, warum diese Dynamik so intensiv sein kann. Unser Nervensystem reagiert auf soziale Situationen ständig mit der Frage: Bin ich sicher oder bin ich in Gefahr?

Bei Menschen mit desorganisiertem Bindungsstil kann dieses System besonders empfindlich reagieren. Nähe kann gleichzeitig beruhigend und bedrohlich wirken. Dadurch wechseln manche Betroffene schnell zwischen verschiedenen Stressreaktionen – etwa zwischen emotionaler Aktivierung (Nähe suchen, klären wollen) und Rückzug oder innerer Erstarrung.


Für die betroffene Person selbst fühlt sich dieser Wechsel oft verwirrend an. Viele beschreiben das Gefühl, sich selbst in Beziehungen nicht ganz zu verstehen.


Erfahre mehr in unserem Artikel "Die Kunst such selbst zu regulieren".


Wenn Beziehungserfahrungen neue Sicherheit ermöglichen

Gerade deshalb können stabile und verlässliche Beziehungen für Menschen mit desorganisierten Bindungsmustern eine besonders wichtige Rolle spielen. Wenn Nähe über längere Zeit als sicher erlebt wird, kann das Nervensystem neue Erfahrungen speichern.


Dieser Prozess geschieht meist nicht schnell. Sicherheit entsteht Schritt für Schritt – durch wiederholte Erfahrungen von Verlässlichkeit, emotionaler Präsenz und respektierten Grenzen.



In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Menschen beginnen, ihre eigenen Reaktionen besser zu verstehen, sobald sie ihre Bindungsgeschichte reflektieren. Wenn das scheinbar widersprüchliche Verhalten als Teil einer alten Schutzstrategie erkannt wird, entsteht häufig mehr Mitgefühl für sich selbst.


Die Bindungsforschung zeigt deutlich, dass Bindungsmuster nicht unveränderlich sind. Viele Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens ein stabileres Gefühl von Sicherheit, wenn sie Beziehungen erleben, in denen ihre Bedürfnisse ernst genommen werden und emotionale Verlässlichkeit vorhanden ist.


Erfahre mehr in unserem Artikel Emotionale Grenzen in der Beziehung


Beziehungen als Ort neuer Erfahrungen

Beziehungen können dadurch zu einem Ort werden, an dem alte Schutzstrategien langsam ihre Funktion verlieren. Wenn Nähe nicht mehr automatisch mit Gefahr verbunden wird, entsteht Raum für neue Erfahrungen von Vertrauen und Verbindung.


Dieser Prozess braucht Zeit, Geduld und oft auch bewusste Arbeit an den eigenen inneren Mustern. Doch er zeigt auch etwas Wichtiges: Bindung ist kein starres Schicksal, sondern ein dynamisches System, das sich durch neue Beziehungserfahrungen verändern kann.


Und genau darin liegt eine große Hoffnung für viele Menschen: Auch wenn frühe Erfahrungen Unsicherheit hinterlassen haben, können spätere Beziehungen helfen, Schritt für Schritt ein neues Gefühl von Sicherheit entstehen zu lassen.


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