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Liebe oder Gewohnheit? Zwischen Sicherheit und Stillstand

  • Autorenbild: Marleen Theißen
    Marleen Theißen
  • 23. März
  • 5 Min. Lesezeit

Liebe braucht Gewohnheit, um sich sicher anzufühlen. Gleichzeitig braucht Gewohnheit Liebe, damit eine Beziehung lebendig bleibt.


Routine ist aus psychologischer Sicht zunächst etwas sehr Wertvolles. Sie entlastet unser Gehirn, schafft Verlässlichkeit und gibt unserem Alltag Struktur. In der Bindungstheorie nach John Bowlby sprechen wir von einer „sicheren Basis“. Beziehungen, in denen Menschen wissen, woran sie sind, fühlen sich stabil und beruhigend an.


Doch es gibt einen Punkt, an dem Sicherheit langsam in Stillstand kippen kann. Dann dient Vertrautheit nicht mehr als Fundament für neue gemeinsame Erfahrungen, sondern als Schutzschild vor Veränderung. Gespräche werden oberflächlicher, Neugier verschwindet und Begegnung wird durch Organisation ersetzt.


Der Psychologe Robert Sternberg beschrieb in seiner Forschung zur sogenannten Dreieckstheorie der Liebe drei zentrale Bestandteile einer erfüllten Partnerschaft: Intimität, Leidenschaft und bewusste Entscheidung füreinander. Wenn Intimität und Leidenschaft langsam verschwinden und nur noch die Entscheidung bleibt, zusammen zu bleiben, spricht Sternberg von einer „leeren Liebe“.

Nach außen wirkt eine solche Beziehung oft stabil. Innerlich fühlt sie sich jedoch zunehmend still an.


Liebe oder Gewohnheit?
Liebe oder Gewohnheit?

Wenn Beziehungen nur noch funktionieren

In meiner Praxis als Paartherapeutin erlebe ich diese Dynamik häufig. Vor einiger Zeit saß ein Paar bei mir, das seit über zehn Jahren zusammen ist. Sie beschrieben ihre Beziehung als „gutes Team“. Es gebe kaum Streit, die Aufgaben im Alltag seien klar verteilt und auch mit den Kindern funktioniere alles reibungslos.


Als ich sie fragte, wann sie zuletzt wirklich neugierig auf die Gedanken oder Gefühle des anderen gewesen seien, entstand eine längere Pause.

Ich bin mir sicher, dass viele Paare das kennen: Die Beziehung funktioniert auf einer organisatorischen Ebene sehr gut, aber sie lebt nicht mehr wirklich.


Das Paar in meiner Praxis hatte sich nicht bewusst voneinander entfernt, sondern waren langsam in eine Routine hineingewachsen, in der Begegnung kaum noch stattfindet. Der Schmerz in solchen Beziehungen entsteht nicht unbedingt durch Konflikte, sondern durch das Fehlen von Resonanz. Zwei Menschen bewegen sich nebeneinander durch den Alltag wie gut koordinierte Organisationseinheiten. Alles läuft effizient, aber emotional bleibt wenig Raum.


Warum Gewohnheit manchmal zur Falle wird

Viele Paare fragen sich irgendwann, wie sie in diese Situation geraten sind. Ein wichtiger psychologischer Mechanismus ist die sogenannte kognitive Dissonanz.


Menschen investieren im Laufe einer Beziehung viel in eine gemeinsame Identität: eine Wohnung, Kinder, soziale Netzwerke, gemeinsame Pläne. Diese Struktur gibt zwar Sicherheit. Gleichzeitig macht sie es schwer, sich einzugestehen, dass sich emotional etwas verändert hat.


Die Vorstellung, dass die Beziehung vielleicht nicht mehr so lebendig ist wie früher, kann das eigene Selbstbild stark erschüttern. Deshalb bleiben viele Menschen lange in einer Situation, die sich zwar vertraut, aber nicht mehr wirklich erfüllend anfühlt.


Ein weiterer wichtiger Faktor ist das sogenannte Self-Expansion-Modell, entwickelt von den Psychologen Arthur und Elaine Aron. Ihre Forschung zeigt, dass wir uns in der frühen Phase einer Beziehung oft besonders lebendig fühlen, weil wir durch die Perspektiven, Fähigkeiten und Erfahrungen des anderen wachsen. Wir erweitern unser eigenes Selbst.


Wenn diese Expansion jedoch mit der Zeit stagniert und kaum neue gemeinsame Erfahrungen entstehen, kann sich die Beziehung plötzlich einengend anfühlen. Nicht weil die Liebe verschwunden ist, sondern weil das Gefühl von Entwicklung fehlt.


Routine wird dann zu einem Käfig, der uns vor einer unangenehmen Frage schützt: Wer bin ich eigentlich, wenn sich mein Leben nicht mehr durch diese Beziehung definiert?


Woran man den Unterschied zwischen Vertrautheit und Stillstand erkennt

Gesunde Vertrautheit und emotionale Erstarrung sehen von außen oft ähnlich aus. Der Unterschied zeigt sich meist in kleinen Nuancen des Alltags.


Ein wichtiges Signal ist das Verschwinden von Neugier. In lebendigen Beziehungen bleibt der andere immer auch ein Stück weit unbekannt. Menschen entwickeln sich, verändern ihre Wünsche, entdecken neue Interessen. Wenn Partner:innen aufhören, sich füreinander zu interessieren, reduziert sich Kommunikation häufig auf organisatorische Themen.


Auch der Umgang mit Konflikten verändert sich. In einer lebendigen Beziehung suchen Menschen die Begegnung – selbst dann, wenn sie anstrengend ist. In einer Beziehung, die hauptsächlich aus Gewohnheit besteht, werden schwierige Themen eher vermieden. Nicht aus Rücksicht, sondern aus emotionaler Distanz.


Ein weiteres Zeichen kann die körperliche Resonanz sein. Damit ist nicht nur Sexualität gemeint, sondern die grundsätzliche körperliche Zuwendung. Eine Berührung kann sich plötzlich neutral anfühlen, fast so, als käme sie von einer Mitbewohnerin oder einem Mitbewohner. Die erotische Spannung, die laut Esther Perel aus der Begegnung zweier autonomer Menschen entsteht, braucht Raum zwischen den Partnern. Wenn dieser Raum verschwindet, verschwindet oft auch das Gefühl von Lebendigkeit.


Die Beziehung neu betrachten

Wenn Paare beginnen, sich zu fragen, ob ihre Beziehung noch von Liebe oder eher von Gewohnheit getragen wird, kann diese Frage zunächst beunruhigend wirken. Gleichzeitig kann sie auch der Beginn eines wichtigen Klärungsprozesses sein.


Der Paarforscher John Gottman fand in seinen Langzeitstudien heraus, dass stabile Beziehungen ein Verhältnis von etwa fünf positiven zu einer negativen Interaktion brauchen. Positive Interaktionen sind kleine Momente von Aufmerksamkeit, Humor, Berührung oder ehrlichem Interesse.


Viele Paare sind überrascht, wenn sie einmal bewusst darauf achten, wie viele dieser Momente in einer typischen Woche tatsächlich stattfinden.


Eine weitere hilfreiche Frage lautet: Würde ich mich heute noch einmal bewusst für diese Beziehung entscheiden – mit allem Wissen, das ich inzwischen über meinen Partner oder meine Partnerin habe?

Wenn die Antwort grundsätzlich „ja“ lautet, kann es gut sein, dass die Liebe nicht verschwunden ist, sondern unter einer dicken Schicht Routine verborgen liegt.


Neue Erfahrungen schaffen

Beziehungen bleiben lebendig, wenn Menschen gemeinsam neue Erfahrungen machen. Das bedeutet nicht zwangsläufig große Veränderungen. Oft reichen kleine Unterbrechungen des Alltags.


Ein gemeinsamer Ausflug an einen Ort, den man noch nicht kennt. Ein Gespräch über Wünsche oder Träume, die im Alltag selten Platz finden. Eine Aktivität, bei der beide wieder etwas Neues entdecken.


Solche Erfahrungen aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn und können helfen, die Wahrnehmung des Partners oder der Partnerin wieder zu verändern. Der andere wird wieder als eigenständiger Mensch sichtbar und nicht nur als Teil der gemeinsamen Organisation.


Eine Übung für mehr emotionale Nähe: Love Maps

Der Paarforscher John Gottman beschreibt sogenannte „Love Maps“ als eine zentrale Grundlage stabiler Beziehungen. Gemeint ist damit das Wissen über die innere Welt des Partners oder der Partnerin.


In langjährigen Beziehungen veralten diese inneren Landkarten häufig. Menschen entwickeln sich weiter, aber Partner:innen bleiben oft bei einem alten Bild stehen.

Eine einfache Möglichkeit, diese Landkarte zu aktualisieren, besteht darin, sich bewusst Fragen zu stellen, deren Antworten man eigentlich zu kennen glaubt.


Zum Beispiel:

  • Was beschäftigt dich im Moment beruflich am meisten? 

  • Welche Wünsche oder Ziele sind in letzter Zeit wichtiger für dich geworden? 

  • Welche Menschen spielen aktuell eine besonders große Rolle in deinem Leben? 

  • Was würde dir im Moment helfen, wieder mehr Energie zu bekommen?


Wenn wir diese Fragen nicht mehr beantworten können, navigieren wir in der Beziehung häufig mit einer veralteten Karte.

Das gegenseitige Aktualisieren dieser „Landkarten“ kann überraschend viel neue Nähe entstehen lassen.


Wenn Gewohnheit zur zweiten Chance wird

Die Erkenntnis, dass eine Beziehung stark von Routine geprägt ist, muss nicht das Ende bedeuten. Für viele Paare ist sie der Beginn einer zweiten Beziehung mit derselben Person.


Oft liegt unter der Gewohnheit noch immer eine tiefe Verbundenheit. Sie ist lediglich von den Anforderungen des Alltags überlagert worden. Wenn beide bereit sind, ihre Komfortzone zu verlassen und sich wieder neugierig zu begegnen, kann aus einer scheinbar erstarrten Beziehung wieder lebendige Verbindung entstehen.

 
 
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