Warum Menschen fremdgehen – Gründe für Affären in Beziehungen
- Marleen Theißen

- 9. März
- 5 Min. Lesezeit
Wer fremdgeht, sucht in den seltensten Fällen eine neue Partnerin oder einen neuen Partner. Oft ist es eher die Suche nach einer neuen Version des eigenen Ichs. Du liebst vielleicht das gemeinsame Zuhause, die geteilten Erinnerungen und den Menschen an deiner Seite, aber du magst die Version von dir selbst nicht, die du in dieser Beziehung geworden bist.
Die Psychologin Esther Perel beschreibt eine Affäre oft als einen Ausbruch aus dem eigenen Lebensentwurf. In langjährigen Beziehungen rutschen wir fast unbemerkt in feste Rollen. Routinen haben sich eingeschlichen, du bist vielleicht mehr und mehr im Organisations-Modus oder funktionierst nur noch innerhalb familiärer Aufgaben. Die Beziehung steht auf einmal mehr für Verpflichtung und To-do-Listen statt für Leichtigkeit, Freiheit und Spontanität. Die Affäre wirkt in diesem Moment wie eine Unterbrechung der gewohnten Dynamik. Sie ist der oft unbewusste Versuch, Anteile der eigenen Identität wieder zu beleben, die im Beziehungsalltag verloren gegangen sind.

Psychologische Ursachen: 7 Gründe, warum Menschen fremdgehen
Jede Affäre ist anders. Trotzdem beobachten wir in der Paartherapie Muster, die immer wieder auftauchen, wenn jemand die Grenze überschreitet:
Wieder selbst bestimmen wollen. Wenn du dich im Alltag nur noch fremdbestimmt fühlst, ist die Affäre etwas, das dir ganz allein gehört. Ein heimlicher Raum, in dem du keine Erwartungen erfüllen musst.
Unerfüllte Bedürfnisse. Oft fehlt etwas Wichtiges wie körperliche Intimität, tiefe Gespräche oder Aufmerksamkeit. Statt den Streit zu riskieren, suchen viele den Weg des geringsten Widerstands und holen sich das Fehlende woanders.
Rache und Ausgleich. Wenn alte Verletzungen nie geheilt wurden, wird Fremdgehen manchmal als Waffe benutzt. Es ist der Versuch, den Schmerz heimzuzahlen und ein Gefühl von Kontrolle oder Macht in der Beziehung zurückzuholen.
Die Gelegenheit. Manchmal steckt gar kein tiefes Problem dahinter, sondern schlicht die Situation. Eine Geschäftsreise oder ein Abend mit zu viel Alkohol führen dazu, dass der kurze Kick wichtiger ist als die Werte der Partnerschaft.
Bestätigung suchen. Nach Jahren schläft die gegenseitige Bewunderung oft ein. Du gehst fremd, um zu sehen: Finden mich andere Menschen überhaupt noch attraktiv? Bin ich noch begehrenswert?
Angst vor zu viel Nähe. Das klingt seltsam, aber manche gehen fremd, weil ihnen die echte Nähe zu Hause zu eng wird. Eine dritte Person schafft Distanz und dient als Puffer.
Lebenskrisen. Runde Geburtstage oder Krisen im Job lösen oft eine Sinnsuche aus. Die Affäre ist dann der Versuch, sich noch einmal lebendig zu fühlen und selbstbestimmt zu sein.
Meist stehen diese Gründe nicht für sich allein, sondern sie sind gekoppelt an ein Kommunikationsproblem in der Beziehung. Menschen, denen es leichter fällt, ihre Bedürfnisse, Sehnsüchte oder Ängste mit dem Partner oder der Partnerin zu kommunizieren, gehen seltener fremd.
Die zwei Seiten der Medaille: Wie die Therapie hilft
Eine Affäre oder ein Seitensprung bedeuten nicht zwangsläufig Trennung. Viele Paare suchen sich Unterstützung, um den Vertrauensbruch aufzuarbeiten. Wenn ein Paar nach einem Seitensprung zu mir kommt, sitzen da zwei Menschen mit völlig unterschiedlichem Schmerz. In der Therapie schauen wir uns beide Seiten genau an:
Die Seite, die betrogen hat: Zwischen Schuld, Rechtfertigung und dem Wunsch nach Veränderung
Wenn du die Person bist, die fremdgegangen ist, bringst du meist eine Mischung aus schlechtem Gewissen und eigenen, oft jahrelang unterdrückten Bedürfnissen mit. In der Praxis zeigen sich oft diese drei Dynamiken:
Die Reue: Du bist schockiert über den Schmerz, den du verursacht hast. Die Schuldgefühle sind so groß, dass du am liebsten alles ungeschehen machen würdest. Hier steht die Wiedergutmachung im Vordergrund, aber oft verhinderst du durch deine eigene Scham, dass ihr wirklich offen über die tieferen Probleme sprechen könnt.
Der Fokus auf die Mitschuld (Verteidigungsmodus): Du möchtest, dass dein Gegenüber versteht, dass du dich in der Beziehung schon lange einsam oder nicht gesehen gefühlt hast. Es fällt dir schwer, die alleinige Verantwortung für den Ausbruch zu tragen, weil du die Ursache auch in der mangelnden emotionalen Verbindung der letzten Jahre siehst.
Der Drang nach neuer Autonomie: Du gibst den Fehler zwar zu, willst aber nicht zurück in die „alte“ Beziehungsstruktur. Du hast gemerkt, wie sehr dir Freiheit oder Selbstbestimmung gefehlt haben. Dein Ziel ist es, die Regeln eurer Partnerschaft neu zu verhandeln, damit du dich nicht wieder eingeengt fühlst – auch wenn das für die betrogene Person in diesem Moment oft zu schnell geht.
Die Seite, die betrogen wurde: Wenn das Fundament wegbricht
Für dich als betrogene Person steht die Welt meist von heute auf morgen kopf. Es folgt eine tiefe Identitätskrise, die dich an allem zweifeln lässt. In der Therapie erlebe ich oft eine massive Unsicherheit, und der Drang nach Kontrolle. Dein Vertrauen in deine eigene Wahrnehmung ist erschüttert.
Der drängende Wunsch, Handy-Nachrichten zu lesen oder Standorte zu kontrollieren, ist in diesem Moment dein verzweifelter Versuch, durch Wissen wieder Sicherheit zu erlangen. Genauso wie löchernde Fragen an deine Partnerin oder Partner, und der Wunsch jedes Detail zu erfahrnen. Du versuchst, die Kontrolle über eine Situation zurückzugewinnen, in der du dich völlig ausgeliefert gefühlt hast.
Gleichzeitig kämpfst du mit bohrenden Selbstzweifeln: „Was habe ich falsch gemacht? Warum war ich nicht genug?“ Es fühlt sich wie eine bewusste Entscheidung gegen dich an, was einen massiven Konflikt mit deinem eigenen Stolz auslöst. Sätze wie „Ich bin eigentlich mehr wert, als so behandelt zu werden“ prallen auf die Angst vor der Meinung anderer: „Gelte ich als schwach, wenn ich bleibe? Was denken Freunde oder die Familie?“ Dieser Spagat zwischen der Liebe zum Partner und der eigenen Würde ist eine enorme emotionale Belastung.
Der therapeutische Prozess: Erst Verantwortung, dann Analyse
Damit Heilung eine Chance hat, folgen wir in der Paartherapie einer klaren Priorisierung:
Verantwortung übernehmen: Wer fremdgegangen ist, muss die volle Verantwortung für den Vertrauensbruch übernehmen und den Wissensdrang des Partners aushalten. Nur wenn du dich als betrogene Person in deinem Schmerz wirklich ernst genommen fühlst, kann dein Nervensystem langsam wieder zur Ruhe kommen.
Sicherheit vor Analyse: Wir schauen gemeinsam, wie viel Transparenz aktuell nötig ist, um wieder Boden unter den Füßen zu spüren, ohne dass die Beziehung dauerhaft in einem Überwachungsmodus erstarrt.
Die Ursachen verstehen: Erst wenn eine Basis-Sicherheit da ist, analysieren wir die alten Dynamiken. Was hat zur Entfremdung geführt? Wie muss sich die Beziehung verändern, damit sich in Zukunft beide wieder sicher, wertgeschätzt und autonom fühlen?
Was Paare tun können: Verbindung stärken
Wenn wir uns mit unseren eigenen Bedürfnissen nicht mehr sicher oder gesehen fühlen, entsteht oft Distanz. Wer sich zu Hause nicht mehr wahrgenommen fühlt, wird anfälliger für die Aufmerksamkeit von Fremden.
Der Forscher John Gottman hat herausgefunden, dass eine gute Beziehung nicht durch riesige Liebesbeweise hält, sondern durch die kleinen Momente im Alltag. Mal kurz vom Handy aufschauen, wenn der andere was erzählt, oder echtes Interesse zeigen – das entscheidet darüber, ob man zusammenbleibt.
Eine Übung für euch: Das Zwiegespräch Um wieder zueinanderzufinden, helfen feste Zeiten zum Reden. Setzt euch 10 Minuten gegenüber. Einer spricht 5 Minuten nur über seine Gefühle, der andere hört einfach nur zu – ohne zu bewerten oder sich zu rechtfertigen. Dann wird gewechselt. So lernt ihr wieder, was im anderen wirklich vorgeht, bevor die Distanz zu groß wird.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer
Auch wenn eine Affäre alles erschüttert: Es muss nicht das Ende sein. Es ist ein radikaler Einschnitt, der einen zwingt, alles auf den Prüfstand zu stellen. Wenn beide bereit sind, ehrlich hinzuschauen, kann daraus eine neue, oft viel echtere Beziehung entstehen. Verarbeitung und Integration beginnt da, wo ihr aufhört, nur über die Fehler zu streiten, und anfangt, über die Ursachen zu reden.


