Erwartungen in der Beziehung: Wenn Ansprüche zur Last werden
- Marleen Theißen

- 26. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Jan.
In meiner Arbeit als Paartherapeutin begegne ich ständig dem Satz „Du hast einfach zu hohe Erwartungen.“ Für die Person, die ihn hört, fühlt er sich oft wie eine Abwertung der eigenen Bedürfnisse an. Für die Gegenseite ist er meist ein Ausdruck von tiefer Überforderung, das Gefühl, es dem oder der Partner:in nie recht machen zu können.
Dabei gehören Erwartungen zu jeder gesunden Partnerschaft. Sie zeigen, wonach wir uns sehnen: Nähe, Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit und Unterstützung. Problematisch werden Erwartungen erst, wenn sie unausgesprochen bleiben oder sich unbemerkt von einem Wunsch zu einer starren Voraussetzung entwickeln.

Woher unsere Erwartungen in der Beziehung kommen
In der Paartherapie wird schnell deutlich: Unsere Ansprüche entstehen nicht zufällig. Wir bringen einen „unsichtbaren Rucksack“ aus früheren Erfahrungen mit in die Beziehung:
Die Herkunftsfamilie: Wie wurde Liebe dort gezeigt?
Frühere Partnerschaften: Welche Verletzungen oder Standards wurden geprägt?
Glaubenssätze: Was haben wir darüber gelernt, wie eine „perfekte“ Beziehung auszusehen hat?
Ein klassisches Beispiel: Wenn du gelernt hast, dass Zuwendung bedeutet, sich sofort umeinander zu kümmern, entsteht leicht die Erwartung: „Wenn es mir schlecht geht, musst du automatisch für mich da sein.“ Wer hingegen gelernt hat, dass Rückzug bei Stress respektvoll ist, gibt dem oder der Partner:in Abstand und löst damit ungewollt Enttäuschung aus.
Diese tief verankerten Vorstellungen fühlen sich für uns selbstverständlich an. Wir gehen davon aus, dass unser Gegenüber sie teilt. Passiert das nicht, ist der Konflikt vorprogrammiert.
Praxisbeispiel: Wenn Schweigen zu Distanz führt
Vor kurzem besuchten mich Sarah und Marc (Namen geändert) in meiner Praxis. Die Stimmung war kühl. Ein Vorabend-Konflikt saß beiden noch in den Knochen.
Sarah kam erschöpft von der Arbeit nach Hause. Marc saß am Laptop, begrüßte sie kurz und arbeitete weiter. Er fragte nicht nach ihrem Tag. Sarah fühlte sich sofort unwichtig und nicht gesehen. Statt das anzusprechen, reagierte sie den Abend über gereizt.
Marc hingegen wollte ihr bewusst Raum geben. In seiner Familie galt es als rücksichtsvoll, gestresste Menschen erst einmal in Ruhe zu lassen. Als Sarah kühl reagierte, fühlte er sich unfair behandelt. Sein frustriertes Fazit: „Deine Erwartungen sind einfach zu hoch. Das kann kein normaler Mensch erfüllen.“
Wunsch vs. Anspruch: Der feine Unterschied
In solchen Momenten geht es selten um mangelnde Liebe. Meist prallen schlicht unterschiedliche Konzepte von Nähe aufeinander. Ein zentraler Punkt in der Paartherapie ist daher die Unterscheidung zwischen Wunsch und Anspruch:
Ein Wunsch lädt ein: Er lässt dem oder der Partner:in die Freiheit, Ja oder Nein zu sagen.
Ein Anspruch setzt unter Druck: Er macht die Erfüllung zur Pflicht.
Nähe, Unterstützung und Fürsorge verlieren ihren Wert, wenn sie nicht mehr aus freier Entscheidung geschehen. Gleichzeitig ist eine Balance wichtig: Wenn Bedürfnisse über lange Zeit keinen Raum finden, ist das kein Zeichen von „zu hohen Erwartungen“, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas Wesentliches fehlt.
Wenn „zu hohe Erwartungen“ zur Abwehrstrategie werden
Manchmal wird der Vorwurf der „zu hohen Ansprüche“ auch dazu genutzt, berechtigte Bedürfnisse im Keim zu ersticken. Wenn du das Gefühl hast, dass deine grundlegenden Wünsche nach Respekt, Zuverlässigkeit oder emotionaler Nähe kaum erfüllt werden und bei jedem Klärungsversuch sofort die Reaktion kommt: „Du erwartest einfach zu viel“, solltest du hellhörig werden.
In diesem Fall dient der Satz oft als Schutzschild, um sich nicht mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen zu müssen. Wenn deine Bedürfnisse dauerhaft ins Leere laufen, geht es nicht mehr um Optimierung der Kommunikation, sondern um Selbstschutz.
Was du in dieser Situation tun kannst:
Realitätscheck: Sind deine Erwartungen wirklich „unnormal“? (Kleine Anmerkung: Das Bedürfnis nach Wertschätzung und Verlässlichkeit ist ein Grundpfeiler jeder gesunden Beziehung).
Grenzen setzen: Mache deutlich, dass dies kein Verhandlungspunkt ist, sondern eine Voraussetzung für dein Wohlbefinden. Ein Satz könnte sein: „Es geht hier nicht um Perfektion, sondern um mein Bedürfnis nach Sicherheit. Wenn das dauerhaft keinen Platz hat, ist das für mich eine Grenze.“
Die Dynamik benennen: Sprich an, dass der Vorwurf der „zu hohen Erwartungen“ das eigentliche Gespräch blockiert.
Checkliste: Sind meine Erwartungen gesund oder überfordernd?
Es ist oft gar nicht so leicht zu unterscheiden, ob wir uns nach etwas völlig Natürlichem sehnen oder ob wir unser Gegenüber unbewusst unter Druck setzen.
Diese Fragen helfen bei der Orientierung:
Deine Erwartungen in der Beziehung sind wahrscheinlich gesund, wenn:
Sie auf Werten basieren: Du sehnst dich nach Respekt, Ehrlichkeit und emotionaler Sicherheit.
Sie verhandelbar sind: Du kannst akzeptieren, wenn ein Bedürfnis mal nicht sofort erfüllt wird.
Du sie aussprichst: Dein:e Partner:in weiß, was du brauchst, weil du es klar kommunizierst.
Deine Erwartungen wirken eher destruktiv (überfordernd), wenn:
Sie als Test dienen: Du sagst nichts und wartest darauf, ob der oder die andere „von selbst“ darauf kommt.
Sie keinen Raum für Fehler lassen: Jede kleine Abweichung wird sofort als Mangel an Liebe interpretiert.
Sie ein Loch füllen sollen: Du erwartest, dass dein:e Partner:in dein Selbstwertgefühl "repariert" und gibst damit deine eigene Verantwortung an deine:n Partner:in.
Der erste Schritt zu einer besseren Kommunikation
In der gemeinsamen Arbeit haben Sarah und Marc begonnen, ihre Bedürfnisse klarer auszusprechen. Sarah sagt heute nicht mehr: „Du bist nie für mich da“, sondern: „Wenn ich gestresst nach Hause komme und wir keinen Kontakt haben, fühle ich mich allein. Ich wünsche mir ein paar Minuten Austausch, bevor jede:r für sich ist.“
Marc weiß nun, worum es wirklich geht. Er muss nicht mehr raten. Und Sarah spürt den Unterschied zwischen Nähe aus Pflicht und Nähe aus freier Entscheidung.
Paartherapie bedeutet nicht, Erwartungen abzuschaffen. Sie hilft dabei, zu verstehen, woher sie kommen, sie auszusprechen und gemeinsam einen Umgang damit zu finden.
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